Bericht von Johannes Arens:
Schon immer gehöre ich zu der Sorte Läufer, die sich gerne monatelang ganz gezielt auf einen einzigen Wettkampf vorbereiten. So stand ich denn am 12. September bei der Deutschen Meisterschaft über 100 km in Wartenberg bei Berlin erst zum dritten Mal dieses Jahr an einer Startlinie, obwohl ich keine Verletzungen oder anderweitigen Ausfälle hatte. Zuvor standen nur ein lokaler 10er im Frühjahr zu Buche sowie ein (für mich ganz untypisches) DNF bei einem 100er in Amsterdam im Mai. Mit dem Lauf in Amsterdam war auch meine Qualifikation für die 100km-WM dieses Jahr in Ames (Spanien) am 20. September gescheitert, sodass die DM in Berlin als Ersatz-Saisonhöhepunkt in den Fokus rückte. Allein diesem Ziel galten die vielen, oft frühmorgendlichen Läufe dieses Sommers. Meine Zielstellungen waren eindeutig: Für die nächste WM die Nationalmannschaftsnorm wieder knacken (6:55); möglichst mit neuer, deutlicher PB (Bisher 6:53:12 - 2023), und endlich auch der deutsche Meistertitel nach zwei Vizemeistertiteln 2023 und 2024.
Die Bedingungen dafür sahen gut aus in Berlin: Eine flotte 5km-Runde bei gutem, nicht zu warmem Wetter versprach schnelle Zeiten. Die deutsche Spitze war entweder bei der fast zeitgleichen WM (Felix Weber, Martin Müller, Stefan Fruhmann) oder verletzt (Alexander Bock, Max Kirschbaum) und der Weg zum DM-Titel also vermeintlich relativ offen - auch wenn von vornherein klar war, dass Frank Merrbach (5-facher Rennsteiglaufsieger) und Lukas Kley (mehrfach DM-Podium über 50km) im Kampf um den Meistertitel ein Wörtchen mitreden würden. Meine eigene Vorbereitung verlief vielversprechend. Zwar brachte ich rein zeitlich nicht mehr die ganz hohen Umfänge wie 2024 vor der DM in Kandel zusammen, als ich noch bis zu 200km/Woche trainierte (was aber damals vielleicht auch schon etwas zuviel des Guten war). Diesmal lag ich in den letzten 12 Wochen (ohne Tapering-Woche) kilometermäßig bei: 122, 112, 147, 79, 182, 141, 168, 91, 154, 146, 114, 113. Da ist, gerade im Vergleich mit der Konkurrenz, sicherlich noch Luft nach oben. Die langen Läufe waren aber durchweg sehr gut, z.B. Vormittags 30km 4:14er Schnitt / nachmittags 40km 3:54er Schnitt; 50km 4:02er Schnitt; 42km 3:49er Schnitt; 35km 3:43er Schnitt inkl. 15x (1km 3:20 / 1km 4:00). Krankheits- und verletzungsfrei blieb ich auch. Zudem hatte ich mir, nicht zuletzt dank der konstanten und geduldigen Ermutigungen meiner lieben Ehefrau, endlich einmal wieder ein (für mich) ordentliches Wettkampfgewicht von 76-77 kg erarbeitet. Mit einem Wort: Ich hatte keine Ausreden - Zeit zu liefern!
Nach inzwischen bewährtem Muster vor dem Saisonhöhepunkt flog ich zwei Tage vorher ein und konnte den Vortag ganz den letzten kleinen Vorbereitungen (Flaschen präparieren etc.) und der Entspannung widmen (was sonst mit vier Kindern definitiv nie für einen ganzen Tag möglich ist!) - Pflicht-Motivationslektüre dabei: John L. Parkers "Once a Runner"! Inzwischen sind die Routinen für den Wettkampftag natürlich sehr eingespielt - drei Stunden vor dem Start (also um 4 Uhr) aufstehen, Honigbrötchenfrühstück, Wettkampfkleidung anziehen bis auf Trikot und Wettkampfschuhe (diese immer erst kurz vor dem Start), Vaseline großzügig auf empfindliche Stellen auftragen, Krempel zusammensuchen, und ab zum Start. Dort ein paar Worte mit dem einen oder anderen Bekannten wechseln, Fläschchen aufstellen, und noch kurz Absprache mit dem Support - vielen Dank auch an dieser Stelle an Hannah, die Freundin von Mitstarter Marco Fuchs, die mir die Flaschen anreichen würde, das klappte alles bestens! - noch kurz ein Koffeingel, dann ab an die Startlinie.
Nach einer halben Stadionrunde ging es raus auf den 5km-Kurs, durchweg auf asphaltierten Radwegen. Auf dem erstem km eine sanfte Steigung, ansonsten alles flach. Ein Wendepunkt mit 180-Grad-Kurve, ansonsten lange Geraden und ein flotter Kurs, an Feldern und Baumalleen vorbei (da etwas außerhalb von Berlin). Ich hatte mir diesmal vorgenommen, ganz strikt mein eigenes Tempo zu laufen, knapp über 4:00min/km, statt mich, wie schon einige Male zuvor, allein oder durch Gruppen zum Überpacen verleiten zu lassen. Es war damit zu rechnen, dass Frank Merrbach und Lukas Kley etwa dasselbe Tempo anschlagen würden. Tatsächlich gingen sie sogar noch etwas schneller an, zusammen mit einem Litauer außerhalb der DM-Wertung, aber ich blieb bei meinen Vorsätzen und bei meinem Tempo. Ganz vorneweg stürmte, ebenfalls außerhalb der DM-Wertung, ein Ukrainer davon.
Wie immer bei einem 100er gingen die ersten Runden locker vorbei, ich traf mein Tempo (angepeilt ca 20:15-20:30min/Runde) über die ganze erste Hälfte ziemlich perfekt: 20:24 - 20:22 - 20:28 - 20:37 (mit Toilettenpause) - 20:16 - 20:26 - 20:11 - 20:12 - 20:08 - 20:08. Erst ab 50-60km wird es bei einem 100er wirklich interessant und potentiell kritisch (langweilig, das sei betont, ist es aber auch davor nie, anders als Otto Normalnichtultraläufer vermuten mag), und zwischen 50-65 km hat mich bisher immer schon ein böser Einbruch ereilt. Diesmal aber ging es weiter bestens voran, zu meiner großen Befriedigung. Ein großer Faktor dabei war sicherlich die Wettkampfverpflegung, die ich jetzt endlich gut hinbekommen hatte, nicht zuletzt dank einiger sehr hilfreicher Expertentips (danke v.a. an Marco Fuchs und Felix Weber!): Entscheidend waren vermutlich gezielte Elektrolytzufuhr gepaart mit mehr Flüssigkeit, zudem bin ich wieder von Sirup auf Gels umgeschwenkt, wobei diese beide getrennt viel besser runtergingen (Flasche immer gleich im Stadion geleert, Gel dann erst am Wendepunkt). Jedenfalls klappte die Verpflegung erstmals überhaupt für mich wie am Schnürchen: Nichts schwappte im Magen herum, die Beine bekamen steten Treibstoffnachschub. Dementsprechend blieb ich auch nach 50km weiterhin konstant, mit zwei Runden in 20:12/20:10 kam ich bis km 60 - während Frank, kürzlich noch vor Lukas an die Spitze geprescht, vorne einbrach und bald darauf leider aussteigen musste. Mit Ähnlichem, zumindest einem kleinen Einbruch, rechnete ich nun auch bei Lukas, hatte er doch das Tempo auch sichtlich angezogen und den Abstand zu mir jede Runde etwas vergrößert. Ich war weiterhin optimistisch, gewinnen zu können, und lauerte bei konstantem Tempo auf meine Chance - 20:13, 20:17, 20:14, 20:25(80km). Aber Lukas, mit einer Bestzeit von "nur" 7:12 angereist, hatte offenbar einen richtigen Sahnetag erwischt (und richtig gut trainiert) und blieb eisern auf Kurs auf eine Zeit nur knapp über 6:40. Stattdessen war ich es, den ab km 83 doch noch der Einbruch ereilte - hatte ich mich bei 60-70km noch ausgesprochen gut gefühlt (für dieses Wettkampfstadium) und von einer Endbeschleunigung auf den letzten 20km Richtung 6:4x niedrig geträumt, machten nun die Oberschenkel schmerzlich zu, zudem kam die Sonne unangenehm heraus, und auf einmal musste ich, eben noch souverän und voll in Kontrolle, doch sehr beißen. Die Rundenzeiten stürzten gefährlich ab, über 21:08 auf 22:43 bis km 90 - Alarm! Wenn das so weiterging im Abwärtstrend (und für einige km fühlte es sich stark danach an) war sogar die schon ganz sicher geglaubte persönliche Bestzeit und WM-Norm in Gefahr. Ich riss mich aber noch einmal zusammen, und schaffte es, das Ziel inzwischen nicht mehr allzu weit, den Trend zu stoppen, die km-Zeiten zunächst um 4:30 zu stabilisieren und schließlich wieder etwas zu beschleunigen - 21:59 auf der Vorschlussrunde. Lukas war schon längst weit enteilt, hinter mir war auch viel Luft, aber die neue persönliche Bestzeit wollte ich unbedingt noch möglichst deutlich ausfallen lassen - mit viel Kampf brachte ich die letzte Runde in 21:11 hinter mich. Nach 6:51:45 Stunden war ich im Ziel! Das bedeutete, wieder einmal, DM-Platz 2, diesmal hinter Lukas mit seiner saustarken 6:41:55 (mit der er sogar den enteilten Ukrainer ganz kurz vor Schluss noch abfing und also auch den Lauf insgesamt gewann), vor Luca Jahnke in einem starken Debüt von 6:59:10. Mein dritter 100km-DM-Vizemeistertitel nach 2023 und 2024 - jedes Mal gegen einen anderen Sieger!
Ich kann also insgesamt sehr zufrieden sein - nach durchwachsenen bis katastrophalen Leistungen in Kandel 2024 (7:05), Bengaluru 2024 (8:36) und Amsterdam 2026 (DNF) bei klarem Abwärtstrend endlich mal wieder überhaupt ein starker 100er; dabei sehr gutes Pacing ohne Einbruch bis tief ins Rennen (83km), den doch noch erfolgten Einbruch noch halbwegs abgefangen; endlich keine Verpflegungsprobleme; wieder DM-Podium und damit der klar konstanteste Spitzenläufer bei deutschen 100km-Meisterschaften in den letzten fünf Jahren; Kadernorm endlich wieder abgehakt und bei der nächsten WM hoffentlich wieder dabei. Meine Bestzeit von 2023 habe ich um eineinhalb Minuten verbessert - übrigens meine erste Bestzeit überhaupt seit drei Jahren, über alle Strecken.
Das große Ziel über die 100 km bleibt aber ein deutscher Meistertitel - ein paar Mal werde ich es hoffentlich noch versuchen können, bevor ich mich (voraussichtlich) den 24h zuwende. Auch eine sub6:40 bleibt weiterhin der Traum - auch wenn ich anerkennen muss, dass das schwierig werden könnte, wenn ich schon bei einem wirklich guten Rennen wie diesmal noch so weit davon entfernt bleibe. Wir werden sehen - vielleicht lässt sich ja noch an dem ein oder anderen Schräubchen etwas drehen... Mut macht mir u.a. meine Erfahrung mit der Jagd auf die sub-2:30 im Marathon, an welcher ich mir ab meiner 2:31 anno 2013 sieben Jahre die Zähne ausgebissen habe, bis dann 2020/21 doch noch der Durchbruch gelang (2:26 / 2:23). Man braucht die Geduld, Zähigkeit und Ausdauer eben nicht nur im Rennen, sondern für das Läuferleben insgesamt...